Laura in Brasilien, Studium
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Unterschiede der Unis

Jetzt, nach­dem das Semes­ter zu Ende ist, kann ich sagen, dass Stu­die­ren in Deutsch­land ziem­lich viel ent­spann­ter ist als in Bra­si­li­en.

An der Uni­ver­sidade de São Pau­lo (USP) ist es ziem­lich schwie­rig als reguläre*r Student*in auf­ge­nom­men zu wer­den. Man muss dafür eine Prü­fung an der Uni­ver­si­tät machen, die unge­fähr ver­gleich­bar mit dem Abitur ist – und nur die­je­ni­gen mit den bes­ten Ergeb­nis­sen wer­den auf­ge­nom­men. An den Schu­len gibt es kei­ne Prü­fung wie das Abitur. Das führt zu einer ziem­lich unge­rech­ten Ver­tei­lung der Stu­die­ren­den. Die meis­ten Stu­die­ren­den sind weiß, und das obwohl ein Groß­teil der bra­si­lia­ni­schen Bevöl­ke­rung dun­kel­häu­tig ist. Es gibt Quo­ten für Afro-Stäm­mi­ge und Indi­ge­ne. Trotz­dem sind die meis­ten Stu­die­ren­den weiß und stam­men aus der Mit­tel- und Ober­schicht, oft sind sie ehe­ma­li­ge Schüler*innen von Pri­vat­schu­len. Die öffent­li­chen Schu­len in Bra­si­li­en haben in der Regel kei­ne beson­ders gute Qua­li­tät, wes­halb deren Schüler*innen zum Stu­die­ren oft an teu­re Pri­vat­u­nis aus­wei­chen, da sie es nicht bis an die öffent­li­chen Uni­ver­si­tä­ten schaf­fen, wel­che zum Teil eben­falls kein hohes Bil­dungs­ni­veau ver­mit­teln. Man­che, die an der USP stu­die­ren wol­len, machen einen ein­jäh­ri­gen Vor­be­rei­tungs­kurs, um die Prü­fung zu bestehen. Für ange­hen­de Medi­zin­stu­den­ten dau­ert die­ser sogar drei Jah­re. Davon bin ich als Aus­tausch­stu­den­tin zwar nicht betrof­fen, es gibt mir aber das Gefühl pri­vi­le­giert zu sein, da ich für mei­nen Stu­di­en­auf­ent­halt kei­ne Prü­fung able­gen muss­te, und es also als Ausländer*in viel ein­fa­cher ist, an der USP stu­die­ren zu kön­nen.

Was sind dann die Unterschiede, die ich selbst an der Uni erlebt habe?

Hier in São Pau­lo gibt es eine Anwe­sen­heits­pflicht von 75 Pro­zent, in mei­nem Stu­di­en­gang in Mar­burg gibt es kei­ne. Hier ist die End­no­te auf­ge­teilt in vie­le ver­schie­de­ne Ein­zel­prü­fun­gen, so ähn­lich wie in der Schu­le. In einem Fach gab es eine Prü­fung und zwei klei­ne­re Auf­ga­ben zum Lösen. In einem ande­ren zwei Klau­su­ren; in einer ande­ren eine Grup­pen- und eine Ein­zel­haus­ar­beit. In Mar­burg dage­gen fin­den alle Klau­su­ren nur am Ende vom Semes­ter statt, und Haus­ar­bei­ten schreibt man in den Semes­ter­fe­ri­en – hat also cir­ca zwei Mona­te Zeit, die­se zu schrei­ben. An der Uni in São Pau­lo muss man aller­dings alle Klau­su­ren und Haus­ar­bei­ten bis zum Ende des Semes­ters geschrie­ben und abge­ge­ben haben. Gut, dafür hat man dann ja auch wirk­lich frei in den Semes­ter­fe­ri­en. Dem­entspre­chend anstren­gend ist das Semes­ter. Alle Tex­te, die der Leh­rer zum Lesen auf­gibt, sind rele­vant, was eine ziem­li­che Wucht an Pflicht­li­te­ra­tur ist.

Die Unter­richts­stun­den an der USP dau­ern vier Stun­den, mit einer Pau­se von cir­ca 20 Minu­ten. Manch­mal hören die Leh­rer auch frü­her auf. Ich nen­ne die Pro­fes­so­ren Leh­rer, da das gan­ze For­mat an eine ewig lan­ge Fron­tal­un­ter­richts­stun­de erin­nert. Die Klas­sen sind klei­ner als in einer Vor­le­sung. In einem Raum haben cir­ca 40 Student*innen gleich­zei­tig Unter­richt. Es ist also unge­fähr die Grö­ße von einem Semi­nar, nicht von einer Vor­le­sung. Der Unter­schied zu einem Semi­nar ist, dass der Unter­richt nicht auf Betei­li­gung der Stu­die­ren­den aus­ge­legt ist. Natür­lich kön­nen Fra­gen gestellt wer­den, aber es gibt kaum Dis­kus­sio­nen, wel­che in einem Semi­nar in Mar­burg einen gro­ßen Teil der Zeit aus­ma­chen. Nur in einem mei­ner Fächer wer­den auch Prä­sen­ta­tio­nen von Stu­die­ren­den gehal­ten und es gibt eine klei­ne Dis­kus­si­on danach. Alle ande­ren sind rei­ner Fron­tal­un­ter­richt. Manch­mal muss ich mich wirk­lich bemü­hen, wegen die­ser gan­zen Pas­si­vi­tät nicht ein­zu­schla­fen, vor allem wenn es warm ist.

Unter­richt wird hier in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten nach­mit­tags und abends ange­bo­ten, in machen Stu­di­en­gän­gen auch mor­gens. Angeb­lich sind die Klas­sen nachts grö­ßer. Mei­ne Unter­richts­stun­den sind nach­mit­tags (14 bis 18 Uhr). Vie­le Stu­die­ren­den arbei­ten, um sich zu finan­zie­ren oder machen Prak­ti­ka. Praktikant*innen sind hier in Bra­si­li­en in der Regel so etwas wie Werkstudenten*innen, die für län­ge­re Zeit in einem Unter­neh­men blei­ben, aber weni­ger ver­die­nen als rich­ti­ge Fest­an­ge­stell­te. In Bra­si­li­en stu­die­ren vie­le nachts (von 19 bis 23 Uhr) und arbei­ten gleich­zei­tig in einem Voll­zeit­job. Und das oft ver­bun­den mit lan­gen Fahrt­we­gen in São Pau­lo. Ich hat­te schon sehr viel zu tun damit, nur alle Sachen für die Uni zu machen. Stel­le man sich das mal noch ver­bun­den mit einem 8-Stun­den-Arbeits­tag vor… Neben­jobs mit weni­ger Arbeits­stun­den wie in Deutsch­land gibt es kaum.

The­ma­tisch gese­hen, wer­den sehr ähn­li­che The­men in Deutsch­land und Bra­si­li­en unter­rich­tet, ver­mut­lich auch weil die Uni gegrün­det wur­de, um euro­päi­sches, vor allem fran­zö­si­sches, Wis­sen im eige­nen Land zu unter­rich­ten. Man spürt deut­lich den Euro­zen­tris­mus in der Gesell­schaft, in der noch immer kolo­nia­le Struk­tu­ren herr­schen. Sogar in Fächern über Latein­ame­ri­ka wer­den euro­päi­sche Autoren gele­sen. Die gän­gi­gen Theo­ri­en sind die glei­chen wie in Deutsch­land. Als ob es kei­ne ein­hei­mi­schen Wis­sen­schaft­ler gäbe. Oder weil die­se nicht wert­ge­schätzt wer­den.

Titelbild: Wokandapix via Pixabay.com 

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