Freiwilligendienst, Madita auf den Philippinen
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Kulturschock — Ruhig bleiben!

Ich weiß, jede Kul­tur hat ihre eige­nen Sicht­wei­sen und Eigen­schaf­ten, aber die­se hier sind wirk­lich schwer nach­zu­voll­zie­hen. Jeden­falls für mich.

Aber von vor­ne. Das Alten­heim Asi­lo de Molo ist sehr berühmt und zwar heißt es, man „füh­le Gott“, wenn man das Gelän­de betritt. Okay, wer gläu­big ist, soll­te jetzt bes­ser nicht wei­ter­le­sen. Die nächs­ten Zei­len sind nur mei­ne ganz per­sön­li­che Sicht­wei­se. Ich möch­te nie­man­den in sei­nem Glau­ben ver­letz­ten oder Ähn­li­ches.

Die­se Geschich­te wird mir gefühlt jeden Tag erzählt: Eines Tages kam ein klei­ner 4 –jäh­ri­ger Jun­ge mit sei­ner Mama nach Asi­lo. Er fing plötz­lich an zu wei­nen, als er das Gelän­de betrat. Es gab erst­mal kei­nen wirk­li­chen Grund, war­um das Kind so plötz­lich ange­fan­gen hat­te zu wei­nen. Sofort ging man davon aus, dass der Jun­ge beim Betre­ten von Asi­lo etwas gefühlt haben muss, er muss Gott in sei­nem Kör­per gespürt haben. Jah­re spä­ter hat die­ser Jun­ge wie­der Asi­lo betre­ten und konn­te sich uhr­plötz­lich wie­der dar­an erin­nern. Dies hat er dann einer Non­ne erzählt und seit­dem lebt Gott in Asi­lo, so sagt man.

So. Und die­se Geschich­te wird jetzt jedem erzählt, der auch nur ein­mal das Wort „Gott“ in den Mund nimmt, „geh nach Asi­lo, dort bist du Gott ganz nah“. Asi­lo ist aber auch so berühmt, weil es nur ein ein­zi­ges Alten­heim in Iloi­lo gibt. Das nächs­te ist dann erst auf der nächs­ten Insel. Das heißt auch, dass es nur in Asi­lo so vie­le alte Men­schen auf einem Hau­fen gibt. Und alte Men­schen sind hier auf den Phil­ip­pi­nen etwas ganz Beson­de­res.

Also, kom­men wir nun zu den Besu­chern, die nach Asi­lo strö­men. Sie brin­gen uns „Essen“ und das heißt lei­der in den meis­ten Fäl­len: Fast Food und Cola. Ich war die ers­ten Tage so erschro­cken dar­über. Aber das ist hier wohl voll­kom­men nor­mal. Was ist der Grund, war­um sie uns besu­chen kom­men? Sie fei­ern ihren Geburts­tag in Asi­lo.

Geburts­tag heißt für die Men­schen hier nicht, dass man sei­nen Eltern dank­bar sein soll­te oder sich selbst ein­fach mal einen Tag fei­ert. Nein, man soll Gott dank­bar sein für die eige­ne Exis­tenz. Man soll außer­dem etwas zurück­ge­ben, wenn man die Mit­tel dafür hat. Die­ser Fakt ist der ein­zi­ge, der irgend­wie posi­tiv dar­an ist, in mei­nen Augen. Ich habe Geburts­tag und bin gesund, habe genug zu essen und möch­te Men­schen hel­fen, denen es nicht so gut geht. Da kommt aber auch schon das Pro­blem. Die „rei­chen“ Men­schen geben die­ses Essen nicht ohne Eigen­nutz an die Bedürf­ti­gen. Sie wol­len dafür von den alten Men­schen geseg­net wer­den und machen vie­le Bil­der. Um der gan­zen Welt zu zei­gen, dass sie ja so „sozi­al“ sind.

Dazu kommt, dass Asi­lo nicht arm ist. Wir sind nicht auf finan­zi­el­le Hil­fe ange­wie­sen und wir haben auch genug zu essen. War­um sehen die­se „rei­chen“ Men­schen das nicht? Und gehen nicht lie­ber die Stra­ße ent­lang und geben den wirk­lich armen, abge­ma­ger­ten Kin­dern etwas zu essen? Die­se Sache wer­de ich, glau­be ich, nie ver­ste­hen.

Ich weiß lei­der nicht, was die alten Leu­te wirk­lich davon hal­ten. Viel­leicht bin ich im Grun­de die Ein­zi­ge, die das total stört. Natür­lich kann, darf und wer­de ich nichts dar­an ändern. Aber mei­ne Gedan­ken kann ich ja trotz­dem äußern.

Letz­tens ist mir dann fast echt der Kra­gen geplatzt. Wir hat­ten eine Anmel­dung für eine Fei­er. Nach einer hal­ben Stun­de waren die Men­schen immer noch nicht da. Das ist ja nichts Unge­wöhn­li­ches für die Fili­pi­nos. Nach 30 Minu­ten ist das Ehe­paar dann gekom­men. Es wur­de ange­kün­digt, dass sie ein gro­ßes Pro­gramm für die alten Men­schen vor­be­rei­tet hat­ten.

Das Essen wur­de auf den Tisch gestellt, die Lolas und Lolos saßen alle war­tend an ihren Plät­zen und dann hieß es, dass sie sich doch bit­te in einen Halb­kreis set­zen soll­ten. Wir dach­ten alle, dass es so bes­ser sein soll­te zum Zugu­cken, für das, was gleich vor­ge­führt wer­den wür­de. Aber nein, es soll­te nur ein Foto gemacht wer­den.

Da dach­te ich echt, ich höre nicht rich­tig. Ich stand zu dem Zeit­punkt auf der Sei­te wo der Foto­graf war, also war ich nicht auf dem Bild. Doch dann rief eine der Non­nen mich zu sich, damit ich mit auf die­sem Foto bin. Dar­auf sag­te ich ihr, dass ich das nicht möch­te. Doch dann fin­gen auch alle ande­ren an nach mir zu rufen. Okay, dann bin ich halt mit auf dem Foto. Ich habe mich ganz an den Rand gestellt. Ein, zwei Fotos wur­den gemacht. Auf ein­mal ist der Non­ne und dem Ehe­mann, der Geburts­tag hat­te, auf­ge­fal­len, dass ich ja viel zu groß bin, um am Rand zu ste­hen. Oh, was ein Wun­der. Also soll­te ich doch tat­säch­lich in die Mit­te kom­men und mich direkt neben das Geburts­tags­kind stel­len. Na klar, ich bin nur zu groß…Nein, im Grun­de soll­te ich nur schön nah an dem Mann ste­hen, damit alle mich sofort auf dem Foto sehen. Ich bin ja schließ­lich weiß und das ist etwas ganz „Beson­de­res“.

Dann wur­de die gan­ze Situa­ti­on wie­der auf­ge­löst und das Ehe­paar lief schnur­stracks zu ihrem Auto und ver­ließ Asi­lo. Ich habe dann mei­ne Kol­le­gen gefragt, was das denn jetzt für eine Akti­on war. Die haben mir dann erzählt, dass der Mann Arzt sei und nur nach Asi­lo gekom­men sein, um die­ses Foto zu machen. Sprich, er woll­te so tun, als hät­te er etwas Gutes getan für die alten Men­schen, aber im Grun­de hat er kein Wort mit ihnen gere­det.

Sol­che Din­ge pas­sie­ren hier lei­der immer öfter und für mich ist es immer sehr schwer mit die­sen Situa­tio­nen umzu­ge­hen und mich nicht zu sehr auf­zu­re­gen. Aber ande­re Län­der, ande­re Sit­ten.

 Photo by Bethan Abra on Unsplash  

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