Freiwilligendienst, Maike in Lettland
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Ein ganzes halbes Jahr — 6 Monate EFD im Check

Erwartungen und Realität

Ich habe ver­sucht, mit so wenig Erwar­tun­gen wie nur mög­lich in mei­nen Frei­wil­li­gen­dienst zu star­ten. Trotz­dem kann ich rück­bli­ckend sagen, dass ich mir eini­ge Din­ge anders vor­ge­stellt hat­te. Vor mei­ner Ankunft wur­de mir immer gesagt, Bal­vi sei eine klei­ne Stadt. Dass die­ser Begriff für eine Deut­sche aber etwas ganz ande­res als für Let­ten bedeu­tet, wur­de mir schnell klar. Bei der Arbeit hat­te ich mehr Stress und Beschäf­ti­gung erwar­tet – vor allem in den ers­ten Wochen hat­te ich sehr wenig zu tun und vie­le Din­ge brauch­ten ein­fach Zeit. Mitt­ler­wei­le bin ich sehr zufrie­den mit mei­nem Arbeits­pen­sum. Ich bin beschäf­tigt, aber nicht gestresst oder über­for­dert. Apro­pos Din­ge, die ein biss­chen län­ger brau­chen: die let­ti­sche Spra­che! Ich hat­te zutiefst gehofft, schnell Let­tisch zu ler­nen, doch ohne regel­mä­ßi­gen Unter­richt und viel Dis­zi­plin ist das gar nicht so ein­fach. Ich beherr­sche nun jedoch zumin­dest die Grund­la­gen, kann mich erklä­ren oder um Hil­fe bit­ten.

Ein Blog­bei­trag von Mai­ke (EFD, Lett­land)

Es gab aber natür­lich auch Erwar­tun­gen, die über­trof­fen wur­den! Ich hat­te mich auch auf viel mehr Heim­weh, Ein­sam­keit und Unsi­cher­heit ein­ge­stellt – über­ra­schen­der­wei­se war es gar nicht so schwie­rig, sich anzu­pas­sen und zuhau­se zu füh­len. Außer­dem sind die Jugend­li­chen in Bal­vi äußerst aktiv und nach einer Gewöh­nungs­zeit auch sehr offen mir gegen­über. Aus Erfah­rungs­be­rich­ten hat­te ich oft gehört, dass es schwie­rig ist, Freund­schaf­ten mit Ein­hei­mi­schen zu bil­den und dem­entspre­chend hat­te ich die­se auch nicht erwar­tet. Glück­li­cher­wei­se sind die Jugend­li­chen aber in mei­nem Alter, neh­men mich als eine von ihnen auf und durch die Tat­sa­che, dass ich ledig­lich einen Mit­frei­wil­li­gen habe, kom­me ich auch gar nicht in Ver­su­chung, etwas mit Nicht-Ein­hei­mi­schen zu machen.
Und dann gibt es da natür­lich noch den let­ti­schen Win­ter. Seit dem Tag mei­ner Ankunft ver­su­chen die Let­ten mir Angst vor den eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu -30° zu machen. Jedoch sind die­se Tem­pe­ra­tu­ren hier auch nur der Aus­nah­me­fall. Bis jetzt ist der Win­ter noch rela­tiv mild – weni­ger als -20° waren noch nicht drin (und das auch nur an 2–3 Tagen). Dass sich Haa­re und Augen­brau­en bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren weiß fär­ben, sobald man das Haus ver­lässt, war schon ein klei­ner Schock. Doch solan­ge es nicht win­det, kann man die kur­ze Zeit, die man außer Hau­ses ver­bringt, gut über­ste­hen.

Let­ti­scher Win­ter

Wie mein Freiwilligendienst mich bereits verändert hat

Ohne zu über­trei­ben kann ich sagen, dass die Ent­schei­dung, einen Frei­wil­li­gen­dienst zu machen und nicht sofort mit dem Stu­di­um zu begin­nen, eine der bes­ten Ent­schei­dun­gen war, die ich je getrof­fen habe.

Ich hielt die­se “sich-im-Aus­land-selbst-fin­den”- Kalen­der­sprü­che immer für furcht­bar kit­schig. Nun muss ich aber sagen, dass da doch ein Körn­chen Wahr­heit drin­steckt; zumin­dest für mich. Wenn man nie sein gewohn­tes Umfeld ver­lässt und in sei­ner Kom­fort­zo­ne bleibt, gibt es näm­lich weder Raum, als Per­son zu wach­sen, noch die­se Viel­zahl an Mög­lich­kei­ten und Blick­win­keln, die einem von Men­schen ver­schie­de­ner Her­kunft offen­bart wer­den kön­nen. Distanz zu mei­nem bis­he­ri­gen Leben zu erschaf­fen und an einem ande­ren Ort von ganz vor­ne anzu­fan­gen, hat mich dazu gebracht, vie­le Din­ge in Fra­ge zu stel­len.

Zum Bei­spiel hat­te ich mei­ne Stu­di­en­ent­schei­dung bereits vor dem Abitur abge­hakt – doch die vie­len Erleb­nis­se hier und Tref­fen mit den ver­schie­dens­ten Men­schen haben mich dazu gebracht, das alles noch­mal genau zu hin­ter­fra­gen. Selbst wenn ich am Ende zu mei­nem ursprüng­li­chen Plan zurück­keh­ren soll­te, kann ich wenigs­tens sicher sein, dass es mei­ne eige­ne Ent­schei­dung war und sie unab­hän­gig von Beein­flus­sun­gen mei­nes Umfelds getrof­fen habe.

Eine ande­re Sache, die mir mit mehr Abstand zu mei­ner Schul­zeit immer kla­rer wird, ist, dass man in der Schu­le nie nur als Per­son oder Cha­rak­ter gese­hen wird. Man ist immer gleich­zei­tig Schüler/in und wie man sich im Unter­richt ver­hält sowie wel­che Noten man schreibt, beein­flusst maß­geb­lich wie man wahr­ge­nom­men wird. Vor allem in der Ober­stu­fe war das The­ma Noten über­mäch­tig und all­ge­gen­wär­tig und alle Gesprä­che schie­nen zumin­dest im wei­tes­ten Sin­ne mit Schu­le zu tun zu haben. Mei­ne Zeit hier ist das kom­plet­te Gegen­teil. Ich habe die Mög­lich­keit, außer­halb eines Klas­sen­zim­mers zu ler­nen, Gesprä­che zu füh­ren und mich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Gene­rell kann ich sagen, dass mei­ne Zeit hier mich bereits unab­hän­gi­ger und selbst­be­wuss­ter gemacht hat. Ich habe kei­ne Angst mehr, vor Grup­pen zu spre­chen oder etwas allei­ne zu unter­neh­men. Die Men­ta­li­tät hier färbt in man­chen Aspek­ten außer­dem auf mich ab: Mir ist klar gewor­den, dass nicht alles per­fekt orga­ni­siert sein muss, um gut zu wer­den und dass Spon­ta­ni­tät nicht immer schlecht sein muss.

Abge­se­hen davon füh­le ich mich jedoch Deutsch­land und mei­ner Hei­mat­stadt Ravens­burg mehr ver­bun­den. Vor mei­ner Aus­rei­se war ich sehr froh, die kon­ser­va­ti­ve Klein­stadt end­lich hin­ter mir zu las­sen – doch um einen wei­te­ren kit­schi­gen Kalen­der-Spruch zu bestä­ti­gen:


Der ver­bor­ge­ne Sinn allen Rei­sens ist es, Heim­weh zu haben.

Schluss­end­lich kann ich nur sagen, dass ich unglaub­lich dank­bar für die letz­ten Mona­te bin und einen Euro­päi­schen Frei­wil­li­gen­dienst jedem wei­ter­emp­feh­len kann – es ist ganz sicher kei­ne Zeit­ver­schwen­dung oder ein ver­lo­re­nes Jahr, son­dern eine groß­ar­ti­ge Mög­lich­keit auf alle denk­ba­ren Arten zu ler­nen!

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