Laura in Brasilien, Studium
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Unterschiede der Auslandsaufenthalte

Vor cir­ca drei Jah­ren war ich das ers­te Mal in Bra­si­li­en, um dort mei­nen Frei­wil­li­gen­dienst abzu­leis­ten. Jetzt, eini­ge Zeit spä­ter, bin ich wie­der hier, dies­mal zum Stu­die­ren. Im glei­chen Land, in der glei­chen Stadt. Doch ähneln sich die bei­den Aus­lands­auf­ent­hal­te, oder unter­schei­den sie sich deut­lich?

Die bei­den Auf­ent­hal­te ähneln sich inso­fern, dass sie bei­de im glei­chen Land statt­fin­den und die glei­che Spra­che gespro­chen wird. Die Kul­tur ist auch die glei­che, bezie­hungs­wei­se ähn­lich. Denn in einem Land und gar in einer Stadt kön­nen die Kul­tu­ren doch sehr unter­schied­lich sein. In einer rie­si­gen Stadt wie São Pau­lo gibt es völ­lig unter­schied­li­che Lebens­rea­li­tä­ten. Außer­dem leben hier vie­le Immi­gran­ten aus ver­schie­de­nen Regio­nen Bra­si­li­ens und auch aus ande­ren Län­dern. In mei­nem Frei­wil­li­gen­dienst leb­te und arbei­te­te ich in der Süd­pe­ri­phe­rie der Stadt. Vie­le der Bewohner*innen dort stam­men ursprüng­lich aus dem Nord­os­ten Bra­si­li­ens. Sie spre­chen also einen ganz ande­ren Dia­lekt, als in São Pau­los Zen­trum gespro­chen wird. Für mich ist die­ser viel schwe­rer zu ver­ste­hen, denn die Leu­te spre­chen sehr schnell. Im Zen­trum leben mehr Men­schen mit euro­päi­scher Abstam­mung. Vie­le mei­ner Mitstudent*innen haben zum Bei­spiel eine zwei­te, ita­lie­ni­sche Staats­bür­ger­schaft.

In der Peri­phe­rie leben mehr Men­schen mit gerin­gem Ein­kom­men, wäh­rend in der Uni­ver­si­tät die Leu­te eher aus der Mit­tel- und Ober­schicht stam­men. Mei­nem Gefühl nach waren die Men­schen in mei­nem ers­ten Aus­lands­auf­ent­halt fröh­li­cher, freund­li­cher, lau­ter. In der Uni ist das Kli­ma eher ruhig, auch wenn es an der Fakul­tät für Geis­tes­wis­sen­schaf­ten schon etwas locke­rer zugeht, als an den ande­ren Fakul­tä­ten. Man trifft auch nicht immer die­sel­ben Men­schen, wie bei mei­nem Frei­wil­li­gen­dienst. Es sind immer ande­re, und so ist es viel schwie­ri­ger, die Leu­te näher ken­nen­zu­ler­nen. Man sieht sie eben nur manch­mal in der Uni, höchs­tens ein­mal in der Woche zur Vor­le­sung, und nicht jeden Tag, wie bei der Arbeit.

Das macht für mich schon einen gro­ßen Unter­schied aus. Man ist nicht so nahe an den Men­schen dran und es ist also schwie­ri­ger, sich ein sozia­les Umfeld zu schaf­fen. Hel­fen tut dabei ein Paten­schafts­pro­gramm der Uni. Aber es war auch gut für mich, dass ich aus mei­nem letz­ten Aus­lands­auf­ent­halt noch Leu­te kann­te, mit denen ich etwas unter­neh­men konn­te. Durch die grö­ße­re ört­li­che Distanz ist das jetzt aber auch eine ande­re Bezie­hung als vor­her. Frü­her konn­te ich ein­fach bei den Leu­ten zuhau­se vor­bei­kom­men, oder mich kurz bei der Arbeit ver­ab­re­den. Jetzt muss alles vor­her schon geplant wer­den, und Ver­ab­re­dun­gen kön­nen nur am Wochen­en­de statt­fin­den. Ich woh­ne jetzt in einem ande­ren Vier­tel als vor­her. Die­ses ist sehr weit weg, also cir­ca drei Stun­den von mei­ner alten Arbeits­stel­le. Eigent­lich hat­te ich auch wenig Inter­es­se dar­an, ande­re Aus­tausch­stu­die­ren­de ken­nen­zu­ler­nen, um nicht in einer kul­tu­rel­len Bla­se zu lan­den. Letzt­lich habe ich dann aber doch eini­ge Aus­tausch­stu­die­ren­de ken­nen­ge­lernt – man befin­det sich ein­fach in einer ähn­li­chen Situa­ti­on. Und es ist ja auch inter­es­sant, wenn Men­schen aus ganz ver­schie­de­nen Län­dern zusam­men­kom­men.

Bei den zwei Auf­ent­hal­ten han­delt es sich wirk­lich um gro­ße Kon­tras­te und sie spie­geln per­fekt die sozia­len Ungleich­hei­ten in Bra­si­li­en wie­der: Extre­me Armut exis­tiert neben extre­mem Reich­tum. Bei mei­nem ers­ten Mal in Bra­si­li­en habe ich ein armes Umfeld ken­nen­ge­lernt, jetzt befin­de ich mich in einer haupt­säch­lich wohl­ha­ben­den Umge­bung.

Ich den­ke, dass es schon den Blick auf das Student*innenleben deut­lich ändert, wenn man gese­hen hat, dass die­ses in einem Land wie Bra­si­li­en für vie­le nicht selbst­ver­ständ­lich ist, son­dern haupt­säch­lich der Eli­te und sehr, sehr Flei­ßi­gen offen­steht. Wäh­rend­des­sen müs­sen ande­re sich abschuf­ten, um über die Run­den zu kom­men. Oft bleibt dabei nicht mehr viel Zeit und Ener­gie für Bil­dung übrig.

Das Titelbild zeigt São Paulo, Brasilien. Montage: Eigenes Foto und joelfotos via Pixabay

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