Laura in Brasilien, Studium
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Egoismus im Massenverkehr: Mein Weg zur Uni

Der Ver­kehr in São Pau­lo ist ein Aben­teu­er. Zu den Haupt­ver­kehrs­zei­ten sind vie­le Bra­si­lia­ner oft stun­den­lang unter­wegs, um zur Arbeit zu kom­men. Im letz­ten Semes­ter blieb Lau­ra vom Ver­kehrs­cha­os ver­schont. Jetzt erlebt sie am eige­nen Leib, wie ner­ven­zer­rei­bend das täg­li­che Pen­deln in die Metro­po­le sein kann.

Zu mei­ner Uni brau­che ich jeden Tag ein­ein­halb Stun­den mit den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln. Manch­mal auch zwei. Oder noch län­ger. Das Geheim­nis ist es, zur rich­ti­gen Zeit unter­wegs zu sein — wenn man sich das aus­su­chen kann. Im letz­ten Semes­ter hat­te ich immer nach­mit­tags Unter­richt. Das war gut, so konn­te ich zu Zei­ten fah­ren, in denen es kei­nen Ver­kehr gab. Jetzt muss ich an drei Tagen die Woche mor­gens fah­ren, zwi­schen sechs und acht Uhr. Das ist die Zeit, in der alle Leu­te aus ganz São Pau­lo zur Arbeit fah­ren. Berufs­ver­kehr eben. Aber eben ein ganz schön hef­ti­ger in so einer gro­ßen Stadt.



Abends ab 17 Uhr gibt es dann wie­der das glei­che Spek­ta­kel. Mas­sen von Men­schen war­ten auf den Bahn­stei­gen und an den Bus­hal­te­stel­len auf den Bus oder die Bahn. Wenn man Glück hat, han­delt es sich dabei um eine geord­ne­te Schlan­ge, wenn nicht, dann um eine unde­fi­nier­ba­re Men­schen­mas­se, die mög­lichst schnell in das jewei­li­ge Ver­kehrs­mit­tel ein­stei­gen will, um even­tu­ell einen Sitz­platz zu ergat­tern und der alle ande­ren Men­schen total egal sind. Um im Ver­kehr vor­an­zu­kom­men, muss man ego­is­tisch sein bzw. die Men­schen hier sind es. Mög­lichst schnell in den Zug rein­ren­nen, böse schau­en, wenn man ange­sto­ßen wird, was unver­meid­lich ist. Es ist auch wirk­lich nicht benei­dens­wert, dass die Bewoh­ner São Pau­los das ihr gan­zes Leben lang durch­ma­chen müs­sen.

Um zur Uni zu kom­men, muss ich mit einem „Zug“ fah­ren. Der Zug ist eigent­lich so etwas wie eine S‑Bahn, nur dass er lang­sam ist und in gro­ßen Abstän­den kommt. Aber er gehört zum öffent­li­chen Nah­ver­kehr. Das Sze­na­rio sieht fol­gen­der­ma­ßen aus: Seit der letz­te Zug weg­ge­fah­ren ist. hat sich eine gro­ße Men­schen­men­ge am Bahn­steig ver­sam­melt, die auf den Zug war­tet, der nur alle zehn Minu­ten kommt. Wenn der Zug kommt, ist er rap­pel­voll mit Men­schen von den vor­he­ri­gen Hal­te­stel­len. Man muss schnell sein, um sich in den ohne­hin schon vol­len Zug noch gewalt­voll rein­zu­quet­schen. Let­zens konn­te ich erst in den drit­ten Zug ein­stei­gen, der kam. Es gibt immer ein paar Hoff­nungs­vol­le, die zwar nicht mehr in den Zug pas­sen, aber sich zwi­schen die Tür stel­len, und ver­su­chen, doch noch irgend­wie rein­zu­kom­men. Das führt dazu, dass der Zug nicht los­fah­ren kann, da sich die Türen so nicht schlie­ßen las­sen. Es kommt also zu Ver­zö­ge­run­gen. Ein­mal kam es vor, dass genau das an jeder Hal­te­stel­le pas­sier­te, was dazu führ­te, dass der Zug etli­che Minu­ten Ver­spä­tung hat­te. Aber Zug und Metro sich noch die schnel­len Vari­an­ten. Schlim­mer ist es mit dem Bus zu fah­ren, der vom Ver­kehrs­auf­kom­men abhän­gig ist und dem­entspre­chend oft im Stau steht. Manch­mal hat man das Gefühl zu Fuß schnel­ler unter­wegs zu sein. Was durch­aus der Fall sein kann bei nicht so gro­ßen Ent­fer­nun­gen.



Die letz­te Etap­pe von mei­nem Weg zur Uni ist der inter­ne Cam­pus-Bus. Für die­sen sind mor­gens die Schlan­gen unend­lich lang. So kann es tat­säch­lich sein, dass man zu Fuß eine hal­be Stun­de braucht und mit dem Bus inklu­si­ve Anste­hen eine gan­ze. Da kann man sich schon sehr glück­lich schät­zen, wenn man nicht zu den Haupt­ver­kehrs­zei­ten unter­wegs ist und dann viel­leicht sogar sit­zen kann und nicht neben­ein­an­der­ge­quetscht ver­su­chen muss, irgend­wie ste­hen­zu­blei­ben. Oder wenn man in die ande­re Rich­tung fährt wie der Ver­kehr, der von der Peri­phe­rie ins Zen­trum führt.

Mein Weg ist noch nicht ein­mal der schlimms­te, den man haben kann. Man­che Leu­te sind bis zu drei Stun­den unter­wegs nur um zur Arbeit zu kom­men. Das macht sechs Stun­den Fahrt­weg am Tag. Zeit, in der man nicht viel machen kann und die man gut für etwas ande­res nut­zen könn­te. Ich ver­su­che in der Metro und im Zug zu lesen, aber wenn es zu voll ist, funk­tio­niert das nicht. Der Fahrt­weg ist ver­mut­lich das Anstren­gends­te an einem Arbeits­tag.

 Photo by Victor Sánchez Berruezo on Unsplash 

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