Freiwilligendienst, Hoa in Japan
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Warum Hiroshima mehr als nur eine Stadt ist

Ein zwei­tes Mal bin ich nun in Hiro­shi­ma, um an mei­nem Zwi­schense­mi­nar teil­zu­neh­men. Dabei ging es nicht nur um uns Frei­wil­li­ge und unse­ren Dienst, son­dern auch viel um die Stadt Hiro­shi­ma und ihre Bedeu­tung.

Ein hal­bes Jahr ist nun vor­bei, seit­dem ich hier in Japan mei­ne Frei­wil­li­gen­dienst ange­fan­gen und das Land ken­nen­ge­lernt habe. Umso mehr habe ich mich drauf gefreut, end­lich alle ande­ren Mit­frei­wil­li­gen in Hiro­shi­ma beim Zwi­schense­mi­nar zu tref­fen und gemein­sam über das ver­gan­ge­ne letz­te hal­be Jahr zu spre­chen (ich kam übri­gens zu spät :D). Das Semi­nar, wel­ches vom 4.–13. März ging, konn­te man in drei Schwer­punk­te unter­tei­len:

  1. Reflek­ti­on
  2. Frie­dens­ar­beit und Geschich­te Hiro­shi­mas
  3. Offi­zi­el­le Besu­che bei der Stadt und Exkur­sio­nen

Die­ser Blog­ein­trag soll kurz über das The­ma 2 und die Stadt han­deln, bezie­hungs­wei­se soll die­ser Blog­bei­trag ein Ver­such von mir sein, ein paar mei­ner Gedan­ken, die mir wäh­rend des Semi­nars in Bezug zu Hiro­shi­ma auf­ge­kom­men sind, mit euch zu tei­len:

Am Mor­gen des 6. August 1945 wur­de im Krieg die ers­te Atom­bom­be über Hiro­shi­ma zum Ein­satz gebracht. 80% der Innen­stadt wur­de von der Druck­wel­le ver­wüs­tet. Der Feu­er­sturm, frei­ge­las­sen durch die enor­me Ener­gie, ver­brann­te das meis­te um sich her­um und radio­ak­ti­ve Strah­lung ver­teil­te sich durch die gesam­te Stadt. Dabei star­ben ca. 75.000 Men­schen sofort und von den Spät­fol­gen bis 1946 schät­zungs­wei­se zwi­schen 90.000 bis 166.000 Men­schen. Ich weiß nicht… Als ich die­se Zah­len gehört habe, war ich ziem­lich unbe­rührt, wenn ich ehr­lich bin. Ich mei­ne, wir sto­ßen täg­lich auf Fak­ten, Zah­len und Daten, ohne die Bedeu­tung dahin­ter zu ver­ste­hen. Aber was bleibt uns auch ande­res übrig, wenn wir z.B. in einem Muse­um eben nur auf sol­che Zah­len und einen fet­ten Text dahin­ter sto­ßen? Umso dank­ba­rer bin ich dem IJGD und dem Deutsch-Japa­ni­schen Frie­dens­fo­rum, dass sie uns Gedan­ken­an­stö­ße und Ein­bli­cke abseits der Fak­ten ermög­licht haben.

Die ers­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem The­ma waren die „Hiba­ku­sha“. Der Begriff bedeu­tet über­setzt „Explo­si­ons­op­fer“, begrenzt sich jedoch nur auf die Men­schen, die den Abwurf über­lebt haben. Die meis­ten muss­ten trotz gerin­ger Strah­len­do­sis den­noch mit Erkran­kun­gen wie Krebs und deren Todes­fol­ge im wei­te­ren Ver­lauf ihres Lebens rech­nen. In der Peace Memo­ri­al Hall durf­ten wir eine Hiba­ku­sha ken­nen ler­nen und ihrer Geschich­te zuhö­ren. Die­ses Tref­fen mit einer ein­zi­gen Per­son hat uns Frei­wil­li­ge mehr zum Den­ken ange­regt als es Geschichts­bü­cher und Co. es jemals geschafft hät­ten. Die gan­ze The­ma­tik dreht sich zwar um den Krieg und die Atom­bom­be, aber mir wur­de klar, dass es eigent­lich die Men­schen sind, die die Geschich­te mit sich tra­gen, und um die es sich han­delt. Sie erzähl­te uns ihre Geschich­te und teil­te mit uns ihren Wunsch nach Frie­den.

Nach dem Vor­trag kam ein Frei­wil­li­ger (von einer ande­ren Ent­sen­de­or­ga­ni­sa­ti­on) zu mir und frag­te mich: „Fin­dest du nicht auch, dass Japan sich zu sehr in die Rol­le des Opfers ver­setzt? Wenn man an den zwei­ten Welt­krieg in Bezug auf Japan zurück­blickt, erin­nern sich die Leu­te zuerst dar­an, wie Japan durch die Atom­bom­be atta­ckiert wur­de. Sie ver­ges­sen aber die schreck­li­chen Kriegs­ver­bre­chen der Japa­ner selbst, wie z.B. das Mas­sa­ker von Nan­jing. Das Sym­bol „Hiro­shi­ma“ ver­stärkt dies.“ Ich ver­ste­he sei­nen Punkt total, stim­me ihm sogar in dem zu, dass Japan alles ande­re als nur ein Opfer war. Auch stim­me ich noch hin­zu, dass der Ver­such sei­tens der Japa­ner, das Nan­jing-Mas­sa­ker ins Ver­ges­sen zu rücken und die Asso­zia­ti­on Hiroshima=Atombombe dazu bei­tra­gen. Das ist aber nicht, was die Stadt mei­ner Mei­nung nach wirk­lich ver­sucht zu sym­bo­li­sie­ren. Viel­mehr als das Schre­cken der Atom­bom­be (das natür­lich auch!), bemüht sich die Stadt, ein Zei­chen des Frie­dens für die Welt zu sein. Und dies merkt man mei­ner Mei­nung auch, wenn man sich in der Stadt befin­det. Der gro­ße Frie­dens­park im Stadt­zen­trum, die noch wei­ter­wach­sen­den Gin­ko­bäu­me, wel­che die Bom­be über­lebt haben, die Flam­me des Frie­dens… Dies sind Sym­bo­le die einem und die­ser Welt noch Hoff­nung geben und nach Frie­den stre­ben las­sen. Beson­ders das Children´s Peace Monu­ment fand ich sehr beein­dru­ckend. Es zeigt Sadao­ko Sasa­ki, die durch die Fol­gen der Atom­bom­be an Leuk­ämie erkrank­te und starb. Ihr Ziel war es, tau­send Papier­kra­ni­che zu fal­ten. In der japa­ni­schen Kul­tur sagt man, wenn man tau­send Kra­ni­che fal­tet, wird einem ein Wunsch gewährt. Ihr Wunsch war eine Welt ohne Krieg und Atom­waf­fen. Heu­te kann man sel­ber Papier­kra­ni­che fal­ten und auf Antrag beim Monu­ment aus­stel­len las­sen. Beson­ders beliebt ist dies bei Schul­klas­sen und Kin­der­gar­ten­grup­pen.

Am Ende des Semi­nars sind wir als gan­ze Grup­pe vor den Keno­taph im Frie­dens­park gegan­gen, um abschlie­ßend den Ver­stor­be­nen zu geden­ken. Ich glau­be, ich kann auch für uns meis­ten Frei­wil­li­gen spre­chen, dass die­ser eher „zere­mo­ni­el­le“ Abschluss auch wich­tig war, um irgend­wie „abzu­schlie­ßen“. Damit mei­ne ich nicht, dass das The­ma Krieg, Atom­waf­fen und Frie­den jetzt für uns vor­bei ist. Wie ich es mei­ne? Bin mir nicht wirk­lich sicher, wie ich das mei­ne. Es ist eher ein Gefühl, was mir schwer fällt zu beschrei­ben, und es daher mit dem Wort „abschlie­ßen“ zu erklä­ren ver­su­che. Die letz­ten 10 Tage haben wir uns inten­siv mit der Trau­er und dem Schre­cken des Kriegs und der Hoff­nung der Stadt nach Frie­den beschäf­tigt. Bei ers­tem wird man oft mit der Trau­er selbst und einer Hilf­lo­sig­keit zurück­ge­las­sen, denn das, was wir gehört und gese­hen haben, ist ein­fach nichts Schö­nes. Es nicht so als wäre das alles exklu­siv für uns gewe­sen. Ganz im Gegen­teil, jeder kann sich damit aus­ein­an­der­setz­ten, der mag. Wir haben uns damit aus­ein­an­der­ge­setzt, weil es Teil unse­rer Frie­dens­ar­beit in unse­rem Frei­wil­li­gen­dienst ist, und ich bin wie gesagt mei­ner Orga­ni­sa­ti­on unglaub­lich dank­bar, mir die­se Mög­lich­keit gege­ben zu haben.

Für mich ist Hiro­shi­ma mehr als nur eine Stadt. Für vie­le ande­re wahr­schein­lich auch, denn hier ist die ers­te Atom­bom­be auf Men­schen gefal­len. Aber das mein ich damit nicht. Es geht hier um eine viel weit­rei­chen­de­re Sache, über der Bom­be hin­aus: Stre­ben nach Frie­den und eine Welt ohne Atom­waf­fen. Ich fin­de, dass Hiro­shi­ma ein Must-Do ist, wenn man nach Japan kommt. Wenn man offen ist, sich damit aus­ein­an­der zu setz­ten, dann kann das eine sehr bewe­gen­de und berüh­ren­de Erfah­rung sein, an der man als Per­son wächst, und die jeder ein­mal gemacht haben soll­te. Davor asso­zi­ier­te ich Hiro­shi­ma nur mit dem Schre­cken aus der Ver­gan­gen­heit. Nun ver­kör­pert die Stadt den Frie­den für Gegen­wart und Zukunft.

P.S.: Wer mag, kann sich hier die Frie­dens­de­kla­ra­ti­on der Stadt Hiro­shi­ma durch­le­sen:
http://www.city.hiroshima.lg.jp/www/contents/1318308995139/index.html

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