Laura in Brasilien, Studium
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Wie es ist, weiß zu sein in einer kolonialen Gesellschaft

Als mei­ne Schwes­ter mich in Bra­si­li­en besuch­te, wur­den wir von allen Sei­ten ange­starrt. Zwei wei­ße Leu­te. Für man­che hier ist das wie eine Berühmt­heit vor sich zu haben. Im Restau­rant wird getu­schelt; man wird auf Eng­lisch ange­spro­chen, obwohl man Por­tu­gie­sisch kann.

Aber in Bra­si­li­en gibt es doch auch Wei­ße? Vie­le Immi­gran­ten aus Euro­pa leben hier. Aber es liegt ja nicht nur an der Sel­ten­heit wei­ßer Haut, blon­der Haa­re und hel­ler Augen, son­dern auch dar­an, dass Tei­le der bra­si­lia­ni­schen Gesell­schaft ras­sis­tisch sind. Wenn ich eine dun­kel­häu­ti­ge Aus­län­de­rin wäre, wür­de mir nie­mals die­sel­be Auf­merk­sam­keit zukom­men. Eine Freun­din von mir kommt aus Jamai­ca, ist schwarz und stu­diert an der­sel­ben Uni wie ich. Sie meint, die Brasilianer*innen den­ken, sie kom­me aus Afri­ka und habe kein Geld und gehen des­halb lie­ber auf Distanz. Die Leu­te an der Kas­se lächeln mich an, aber mei­ne schwar­ze Freun­din nicht.

Wei­ße sind reich und Schwar­ze sind arm in Bra­si­li­en. Davon gibt es lei­der nur weni­ge Aus­nah­men. Wei­ße sind Nach­fah­ren euro­päi­scher Ein­wan­de­rer und Kolo­ni­sa­to­ren. Schwar­ze sind oft Nach­kom­men afri­ka­ni­scher Skla­ven. Wir leben in einer Gesell­schaft, die noch nicht über ihre kolo­nia­len Wur­zeln hin­aus­ge­wach­sen ist. Es gibt vie­le Ver­mi­schun­gen inner­halb der Gesell­schaft, vie­le „Misch­lin­ge“, wel­che oft auch benach­tei­ligt sind.

Es gibt natür­lich auch die­je­ni­gen, die kei­ne Wei­ßen mögen. Weil Weiß­sein hier auto­ma­tisch bedeu­tet, pri­vi­le­giert zu sein. Das tut weh. Ich habe mir das ja nicht aus­ge­sucht. Aber genau­so wenig haben es sich schwar­ze Men­schen aus­ge­sucht, die tat­säch­lich unter Ras­sis­mus lei­den. Nicht nur poten­zi­el­le Arbeitgeber*innen, auch die Poli­zei ist oft ras­sis­tisch. Die bra­si­lia­ni­schen Gefäng­nis­se sind vol­ler Schwar­zer und immer wie­der kommt es vor, dass die Poli­zei unschul­di­ge Men­schen umbringt – dar­un­ter auch vie­le Schwar­ze aus der Fave­la. Trotz­dem gibt es noch Leu­te, die bestrei­ten, es wür­de einen Geno­zid der schwar­zen Bevöl­ke­rung Bra­si­li­ens geben oder gar Ras­sis­mus. Ich füh­le mich nicht wohl in die­ser Situa­ti­on als etwas Bes­se­res ange­se­hen zu wer­den nur wegen mei­ner Haut­far­be.

Wir sind noch kei­nen Schritt wei­ter. Kolo­ni­sa­ti­on und Skla­ve­rei haben offi­zi­ell auf­ge­hört – aber fak­tisch noch kein biss­chen. Wie vie­le Leu­te arbei­ten hier für einen Hun­ger­lohn, nur um zu über­le­ben? Wie vie­le aus­län­di­sche Unter­neh­men gibt es hier, die die Abhän­gig­keit ver­grö­ßern und Res­sour­cen aus­plün­dern?

 Photo by Cassiano Pomsas on Unsplash 

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