Laura in Brasilien, Studium
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Blond = Reinrassig?!

Die neus­te Schlag­zei­le in Bra­si­li­en ist, dass das bra­si­lia­ni­sche Mili­tär einen deut­schen Major aus der Zeit des zwei­ten Welt­kriegs geehrt hat. Obwohl es unklar ist, ob die­ser über­haupt einen ideo­lo­gi­schen Bezug zum Natio­nal­so­zia­lis­mus hat­te, han­delt es sich dabei um eine zwei­fel­haf­te Akti­on, auch ver­ur­sacht durch die zwei­fel­haf­te Hal­tung des bra­si­lia­ni­schen Mili­tärs im aktu­el­len poli­ti­schen Gesche­hen. Die­se Ehrung wird in Bra­si­li­en völ­lig hoch­ge­schraubt, eben weil in Bra­si­li­en angeb­lich Nazis gefei­ert wer­den. Wider­sprüch­lich ist der Akt zu dem auch noch: Vor kur­zer Zeit dekla­rier­te der Prä­si­dent und Ex-Mili­tär Jair Bol­so­na­ro den Natio­nal­so­zia­lis­mus als „links“.

Die­se Ver­mu­tung fin­det man in allen Ecken. Alle Deut­schen sind Nazis, heißt es. Oder zumin­dest ist es die ers­te Asso­zia­ti­on, die vie­le hier mit Deut­schen haben. In unzäh­li­gen Situa­tio­nen wur­de ich mit einem Hit­ler­gruß begrüßt. Ich wur­de gefragt ob Hit­ler mein Vater ist. Die Leu­te machen sich über den Natio­nal­so­zia­lis­mus lus­tig. Ein Bekann­ter woll­te ein­mal wis­sen, ob ich rein­ras­sig bin. Also, ob mei­ne Eltern auch Deut­sche sind. Das bizar­re an die­ser Fra­ge ist, dass in Bra­si­li­en, mög­li­cher­wei­se sogar auf der gan­zen Welt (?), hel­le Haut und blon­de Haa­re das abso­lu­te Schön­heits­ide­al sind, und es auch die Erschei­nungs­form ist, die mit den meis­ten Pri­vi­le­gi­en behaf­tet ist. Das ist die eine mög­li­che Reak­ti­on.

Eine ande­re Mög­lich­keit ist die­je­ni­ge, extrem kri­tisch gegen­über der Geschich­te zu sein. Und dabei am bes­ten den Deut­schen alle Schuld auf der Welt zu geben. Zig Stu­die­ren­de, die ich hier an der Uni­ver­si­tät ken­nen­ge­lernt habe, schrei­ben ihre Mas­ter- oder Dok­tor­ar­beit über deut­sche Phi­lo­so­phen und wol­len über­prü­fen, ob sie Nazis waren oder irgend­ein ande­res The­ma, ver­wandt mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus. Wie, ich ken­ne nicht alle Namen von Straf­tä­tern die­ser Peri­ode? Ein Leh­rer von mir hat­te es jede Stun­de auf die Nazis abge­se­hen. „Ja, und die Juden in Deutsch­land ….“

Durch die­se stän­di­ge Prä­senz des The­mas, muss ich schon manch­mal schlu­cken. Den Leu­ten scheint es nicht bewusst zu sein, dass der Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land ein sehr sen­si­bles The­ma ist und dort auch sehr gut auf­ge­ar­bei­tet wur­de und immer noch wird. Und dass es für mich nicht ange­nehm ist, mit die­sem Teil der Ver­gan­gen­heit iden­ti­fi­ziert zu wer­den. Das heißt natür­lich nicht, dass die Ver­gan­gen­heit nicht heut­zu­ta­ge wie­der zu einem Pro­blem wird, wel­ches hier aber nicht dif­fe­ren­ziert betrach­tet wird. Wor­auf man stößt, ist eine Art nazi­gei­ler Sen­sa­tio­na­lis­mus. Die­ser ist aber nicht spe­zi­fisch. Neue­re rech­te Bewe­gun­gen in Deutsch­land sind nicht bekannt, außer ganz all­ge­mein — Neo­na­zis. Als der rechts­ex­tre­me Prä­si­dent gewählt wur­de, wur­de er stän­dig mit Hit­ler ver­gli­chen.

Erin­ne­rungs­po­li­tik ist hier ein Fremd­wort. Was mich vor allem stört ist, dass vie­le Brasilianer*innen kein Bewusst­sein für ihre eige­ne Geschich­te haben. Die­ses struk­tu­rel­le Ver­ges­sen kann durch­aus eine Form der Mani­pu­la­ti­on sein. Es wird ver­ges­sen, dass zur Zeit des zwei­ten Welt­kriegs Bra­si­li­en unter Herr­schaft eines Dik­ta­tors stand, der euro­päi­sche faschis­ti­sche Sys­te­me bewun­der­te, und die­se sogar zum Teil kopier­te. Spä­ter zog er dann para­do­xer­wei­se gegen die­se in den Krieg, zusam­men mit den USA. Zu die­ser Zeit gab es in Bra­si­li­en sogar Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, in denen gefol­tert wur­de. Ganz zu schwei­gen von der spä­te­ren Mili­tär­dik­ta­tur, die heut­zu­ta­ge ger­ne ver­herr­licht wird, oder dem Kolo­nia­lis­mus und Skla­ve­rei.

Photo by Jens Smeets on Unsplash

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