Freiwilligendienst, Ronja auf den Philippinen
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Kambodscha – Von Angkor Wat zur Roten Khmer

Früh mor­gens wabert noch der Nebel über die fast men­schen­lee­ren Stra­ßen Siem Reaps. Ohne gro­ße Mühe tre­te ich in die Peda­le des Fahr­rads, das ich mir gemie­tet habe. Die unglaub­li­che Hit­ze, die sich die letz­ten Tage in dem Land, das auch als König­reich des Stau­nens bezeich­net wird, bemerk­bar gemacht hat, hat noch nicht zuge­schla­gen. Der Fahrt­wind weht mir ange­nehm ins leicht gerö­te­te Gesicht, um mich her­um öff­nen die ers­ten Stra­ßen­stän­de an denen man Obst, Gemü­se oder die tra­di­tio­nel­le Fisch­sup­pe „Amok“ zum Früh­stück erste­hen kann, hin und wie­der bahnt sich ein lee­res Tuk­Tuk sei­nen Weg durch die von der Nacht noch müden Gas­sen. So ruhig wie gera­de eben habe ich Kam­bo­dscha noch nicht erlebt. Fast schon fried­lich muten die sonst so über­füll­ten und lau­ten Stra­ßen an, doch in mir krib­belt die Auf­re­gung. Ich bin am Ziel mei­ner Rei­se. Schon in eini­gen Tagen wer­de ich zurück nach Iloi­lo flie­gen und von dort aus nur kur­ze Zeit spä­ter nach einem kom­plet­ten Jahr vol­ler unver­gess­li­cher Erleb­nis­se die Heim­rei­se nach Deutsch­land antre­ten. Doch gera­de eben zählt nur Eines. Einer der Haupt­grün­de, wes­halb ich und vie­le ande­re nach Kam­bo­dscha gekom­men sind. Heu­te wer­de ich end­lich die legen­dä­re Rui­nen­stadt Ang­kor Thom mit dem welt­be­rühm­ten Haupt­tem­pel Ang­kor Wat betre­ten und dafür, davon bin ich fest über­zeugt, kann man gar nicht früh genug auf­ste­hen. Ich tre­te noch fes­ter in die Peda­le. Trotz der Mor­gen­küh­le sam­melt sich nun schon etwas Schweiß auf mei­ner Stirn. Ich bin nicht die Ein­zi­ge, die Ang­kor Wat sehen möch­te, das ist mir wohl bewusst. Schon jetzt haben mich eini­ge Tuk­Tuks über­holt, die ande­re Tou­ris­ten in die Tem­pel­an­la­ge beför­dern. Die Rui­nen mit zahl­lo­sen wei­te­ren Rei­sen­den tei­len zu müs­sen, dar­auf habe ich eigent­lich kei­ne Lust. Der ers­te Kon­troll­punkt naht. Selbst­ver­ständ­lich habe ich mir ein aus­ge­klü­gel­tes Sys­tem über­legt, wie ich den teu­er bezahl­ten Drei-Tages-Ang­kor-Pass, den Schlüs­sel für mein Fahr­rad­schloss und die drin­gend not­wen­di­ge 1,5‑Liter Fla­sche Was­ser per­fekt und vor allem ohne Zeit zu ver­lie­ren, koor­di­nie­ren kann. Ehe ich mich ver­se­he, ist es soweit. Ich schlie­ße mein Fahr­rad vor dem Ban­tay Kdei ab und bli­cke auf die Ein­gangs­pfor­te, ein Tor gekrönt vom Gesicht eines lächeln­den Bud­dhas in jeder Him­mels­rich­tung. Noch nie in mei­nem Leben war ich so beein­druckt, noch nie in mei­nem Leben war ich so fas­zi­niert.

Ang­kor Wat hat mich nicht ent­täuscht. Die Rui­nen haben qua­si alle mei­ne Inter­es­sens­ge­bie­te ver­eint. Viel Geschich­te, viel Reli­gi­on, viel Poli­tik, viel Sym­bo­lik. Wäre irgend­wo noch etwas Abge­fah­re­nes mit Spra­che dazu gekom­men, hät­te ich die­sen Ort, ganz anders als die alten Khmer damals, wohl nie ver­las­sen. Auf einem Are­al der Grö­ße von New York haben die­se damals vom 10. bis zum 12. Jahr­hun­dert eine Metro­po­le errich­tet, die mit­tel­al­ter­li­che Städ­te in Euro­pa um ein wei­tes über­traf. Bis zu dem Tag als sie die Stadt, ver­mut­lich auf Grund von Miss­ern­ten, eines Tages ver­lie­ßen und die Natur des umlie­gen­den Regen­walds sich ihr Gebiet unbarm­her­zig zurück­hol­te. Die bei­na­he per­fekt erhal­te­nen Rui­nen sind zum Teil so über­wu­chert, dass man sich fast so fühlt als wäre man an einem phan­tas­ti­schen Ort. Im Haupt­tem­pel Ang­kor Wat selbst fühlt man sich als wäre man direkt in alte Zei­ten zurück­ver­setzt wor­den. Da auf­grund der anhal­ten­den Regen­zeit auch noch tou­ris­ti­sche low sea­son war, konn­te ich sogar zum Teil durch die Stät­ten der Khmer wan­deln, was das Gefühl natür­lich nur per­fek­tio­niert hat. Die Rui­nen waren defi­ni­tiv das High­light mei­nes Trips, ein Erleb­nis, das ich hof­fent­lich nie mehr ver­ges­sen wer­de und auch nur emp­feh­len kann. Ich kann ver­spre­chen, dass ich für jeden Cent, den ich für das Drei-Tages-Ticket aus­ge­ge­ben habe (und es waren vie­le, vie­le Cents) ein­mal die Zäh­ne zusam­men­ge­bis­sen habe, doch es war gut aus­ge­ge­be­nes Geld. Wer zudem vor­her etwas recher­chiert und sich ein biss­chen in fern­öst­li­che Reli­gio­nen ein­ge­ar­bei­tet hat, kann sich einen Gui­de gut spa­ren und wer zudem nicht die schlech­tes­te Aus­dau­er und eine gute Tro­pen­taug­lich­keit hat, kann mit der Fahr­rad-Vari­an­te noch­mals extra Geld spa­ren.

Tro­pi­sche Luft = beschla­ge­ne Kame­ra 😉

Nur eine ein­zi­ge Sache hat mich an der gan­zen Ang­kor-Geschich­te und an mir selbst in Ver­bin­dung zu ihr defi­ni­tiv auf­ge­wühlt: Nach mei­ner Lan­dung in Phnom Penh habe ich mir ein Tuk­Tuk zu mei­ner Unter­kunft genom­men und mich sehr gut mit dem Fah­rer unter­hal­ten. Er frag­te mich nach mei­nen Plä­nen für Akti­vi­tä­ten in der Haupt­stadt und wie ich vor­hat­te wei­ter zu rei­sen. Als ich ihm erklär­te, dass ich mich in Phnom Penh haupt­säch­lich auf Orte kon­zen­trie­ren woll­te, die mit der Roten Khmer und dem Geno­zid, den sie von 1975 bis 1979 an den Kam­bo­dscha­nern ver­übt hat­ten, kon­zen­trie­ren woll­te, hielt er inne, über­legt kurz und sag­te: „Weißt du, das fin­de ich gut. Die Leu­te kom­men nach Phnom Penh und schau­en sich schö­ne Pago­den und den Königs­pa­last an und dann gehen sie nach Siem Reap und sehen Ang­kor Wat, aber was die Leu­te in die­sem Land hier wirk­lich beschäf­tigt, ist das, was vor vier­zig Jah­ren gesche­hen ist.“

Und damit hat er Recht. Mei­ne ers­te Sta­ti­on war das Geno­zid Muse­um S21. Hier wur­de mit­ten in der Innen­stadt von Phnom Penh in einer ehe­ma­li­gen Schu­le ein Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis errich­tet, das nur zwölf von ins­ge­samt über 18.000 Insas­sen über­lebt haben. In „nur“ vier Jah­ren Schre­ckens­herr­schaft hat die rote Khmer fast ein Vier­tel aller Kam­bo­dscha­ner aus­ge­löscht und das so gezielt und per­sön­lich, dass das Beklem­mungs­ge­fühl als ich durch die­se Räu­me, in denen so vie­le grau­sa­me Din­ge getan wur­den, gelau­fen bin, kaum zu beschrei­ben ist.

Fast noch schlim­mer fand ich es, dass wir in Euro­pa kaum etwas von die­ser Zeit wis­sen und das, obwohl es sich bei den Betrof­fe­nen, wäre ihre Lage anders gewe­sen, auch um mei­ne Eltern, Nach­barn oder Fami­lie hät­te han­deln kön­nen.

Doch all dies steht im Schat­ten des beein­dru­cken­den Ang­kor Wat, ganz im Unter­schied zu Deutsch­land wo die Nazi-Ära alle ehe­mals vor­han­de­ne „Grö­ße“ der Nati­on ver­ges­sen lässt und wird wohl auch nie aus die­ser her­aus­tre­ten.

Photo by Gyorgy Bakos on Unsplash

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